Eine Melodie, die dem Lauf eines Flusses folgt. Ein Geburtshaus, in dem einst der Sohn eines Metzgers seine ersten musikalischen Eindrücke sammelte. Und eine Stadt, deren Sprache, Menschen und Klänge einen Komponisten dazu inspirierte, einer der bedeutendsten Revolutionäre der Oper zu werden. Tschechiens Musikgeschichte reicht weit über die großen Bühnen hinaus. In Schlössern, Bürgerhäusern und historischen Gassen begegnen Reisende den Lebensgeschichten von Bedřich Smetana, Antonín Dvořák und Leoš Janáček. Auch Wolfgang Amadeus Mozart hinterließ seine Spuren. Wer ihren Wegen durch Böhmen, Mähren und Schlesien folgt, entdeckt nicht nur die Ursprünge weltbekannter Werke, sondern erlebt bei Konzerten und Festivals, wie lebendig das musikalische Erbe des Landes bis heute geblieben ist.
Bedřich Smetana: Klänge entlang der Moldau

Kaum ein Musikstück zeichnet eine Landschaft so eindrücklich nach wie Bedřich Smetanas „Die Moldau“. Die sinfonische Dichtung begleitet den Fluss von seinen Quellen im Böhmerwald durch Prag bis zu seiner Mündung in die Elbe. Sie gehört zum sechsteiligen Zyklus „Mein Vaterland“, mit dem Smetana seiner Heimat ein musikalisches Denkmal setzte. Noch heute eröffnet das Werk traditionell am 12. Mai, dem Todestag des Komponisten, das internationale Musikfestival Prager Frühling. In Prag führt die Spurensuche direkt ans Ufer der Moldau. Das Bedřich-Smetana-Museum im ehemaligen Altstädter Wasserwerk beherbergt Briefe, Notenhandschriften und weitere seiner Zeugnisse.
Rund 150 Kilometer östlich von Prag begann Smetanas Geschichte: In Litomyšl kam er 1824 in einer Wohnung der Schlossbrauerei zur Welt. Die restaurierten Räume erzählen heute von seiner Kindheit und einer Familie, die seine musikalische Begabung früh förderte. Jeden Sommer verwandelt das Festival „Smetanas Litomyšl“ die Stadt in eine Bühne für Opern, Orchesterwerke und Kammermusik. Die nächste Ausgabe steht vom 10. Juni bis 5. Juli 2027 an. Unabhängig davon lohnt sich ein Besuch in Litomyšl, das zum tschechischen UNESCO-Weltkulturerbe gehört, zu jeder Jahreszeit.
Antonín Dvořák: Vom böhmischen Dorf auf die Bühnen der Welt

Ein Wirtshaus, eine Metzgerei und das Dorfleben an der Moldau prägten die frühen Jahre von Antonín Dvořák. 1841 kam der spätere Komponist der Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ in Nelahozeves nördlich von Prag zur Welt. Sein Vater arbeitete als Metzger und Gastwirt, während der junge Antonín schon früh verschiedene Instrumente erlernte. Jahrzehnte später führten ihn seine Kompositionen nach London, Russland und schließlich in die Vereinigten Staaten. Seine Anfänge rückt heute das neu gestaltete Antonín-Dvořák-Geburtshaus in den Mittelpunkt. Eine interaktive Ausstellung in elf Räumen verbindet historische Exponate mit Hörstationen und multimedialen Einblicken. Besucher erfahren, welche Eindrücke aus Dvořáks Kindheit später in seine Musik einflossen. Auch das benachbarte Renaissanceschloss Nelahozeves lädt zu einem Abstecher ein.
In Prag setzt sich die musikalische Spurensuche fort. Das Antonín-Dvořák-Museum zeigt in einem barocken Lustschloss unter anderem seinen Schreibtisch und sein Klavier. Vom 6.-27. September 2027 widmet ihm die tschechische Hauptstadt mit „Dvořáks Prag“ sogar das 20. eigene internationale Musikfestival. Dessen Konzerte führen unter anderem ins Rudolfinum, einen der bedeutendsten Konzertsäle der Stadt. Ein weiterer Ort verbindet Dvořák mit Smetana: Auf dem historischen Friedhof des Vyšehrad fanden beide Komponisten ihre letzte Ruhestätte.
Leoš Janáček: Wenn eine Stadt zur Partitur wird

Leoš Janáček hörte genau hin, wenn Menschen miteinander redeten. Sprachrhythmen, Volkslieder und die Klänge des Alltags lieferten ihm musikalische Ideen, die er zu einer unverwechselbaren Tonsprache entwickelte. Eng verknüpft blieb sein Schaffen mit der zweitgrößten Stadt Tschechiens: Brünn. Mehr als fünf Jahrzehnte lebte und arbeitete er in der mährischen Metropole, unterrichtete, dirigierte und komponierte dort einen Großteil seiner Opern. Wie sehr seine Musik Brünn bis heute prägt, zeigt das internationale Festival Janáček Brno. Vom 13. Oktober bis 17. November 2026 feiert es seine zehnte Ausgabe unter dem Motto „Roots“. Zu den Gästen zählen auch Ensembles aus Deutschland: Die Bayerische Staatsoper präsentiert am 13. November „Katja Kabanowa“, die Bamberger Symphoniker gastieren Anfang November. Bereits zweimal gewann das Festival bei den „International Opera Awards“.
Wer Brünn jenseits der Aufführungen erkunden möchte, folgt Janáčeks Spuren durch die Stadt. Ein digitaler Kulturführer verbindet wichtige Stationen seines Lebens mit Hintergrundgeschichten und Ausflugsideen.
Wolfgang Amadeus Mozart: Eine besondere Verbindung zu Prag

Nicht nur tschechische Komponisten fanden zwischen Böhmen und Mähren Inspiration. Auch Wolfgang Amadeus Mozart reiste mehrfach durch die Region und pflegte eine spezielle Beziehung zu Prag. Das Publikum der Stadt feierte seine Oper „Die Hochzeit des Figaro“ und Mozart kehrte wiederholt zurück. In der Villa Bertramka, damals umgeben von Weinbergen, arbeitete er an der Partitur seiner Oper „Don Giovanni“. Am 29. Oktober 1787 hatte die Oper ihre Welturaufführung im Prager Ständetheater, die Mozart selbst dirigierte. 240 Jahre später wird die Oper dort weiterhin aufgeführt. Doch Mozarts tschechische Geschichte begann bereits früher. Im Herbst 1767 suchte seine Familie in Olmütz Schutz vor einer Pockenepidemie. Während seiner Genesung komponierte der damals Elfjährige unter anderem eine Sinfonie. Auf der Rückreise nach Wien machte die Familie in Brünn Station, wo Mozart im heutigen Reduta-Theater auftrat. Eine ungewöhnliche Statue auf dem Kohlmarkt erinnert noch heute an den jungen Komponisten. Der internationale Klavierwettbewerb „Amadeus Brno“ führt sein musikalisches Erbe in der Stadt fort. In Prag wurde im April 2026 ein interaktives Mozart-Museum eröffnet.
Vom Konzertsaal in die Kirche: Tschechiens Musik zur Weihnachtszeit
Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, zieht die Musik auch abseits der großen Opernhäuser in Kirchen und auf öffentliche Plätze ein. Tief verwurzelt in der tschechischen Weihnachtstradition ist die „Böhmische Hirtenmesse“ von Jan Jakub Ryba. Das Werk erklingt in der Advents- und Weihnachtszeit landesweit, darunter in zahlreichen Prager Kirchen sowie bei Aufführungen unter freiem Himmel, etwa auf der Moldau-Insel Kampa. Auch rund um den Jahreswechsel setzen Neujahrskonzerte in Prag und Brünn die musikalische Tradition fort.
